Sonntag, 30. November 2008

Die Expat-Krankheit - Versuch einer Selbstdiagnose

Es ist Advent - und hier in Beijing bedeutet das, dass in der Deutschen Botschaft der traditionelle Weihnachtsmarkt abgehalten wird. Wie das mit Deutschen Weihnachstmärkten so ist, ist das eine exzellente Gelegenheit, grössere Mengen Glühwein zu trinken. Es ist auch eine schöne Gelegenheit, Expats (und damit in meinem Fall auch mich selbst) zu studieren. Samstag Abend war dann auch noch Neue-Deutsche-Welle-Party im Obiwan, ebenfalls eine ziemlich Ausländer-dominierte Angelegenheit (und lustig - wann hab ich das letzte Mal sechs Stunden durchgetanzt?).
Nun, wenn man sich die Expats so anschaut, vor allem die, die schon länger da sind, so kommt man zum Schluss, dass das nicht nur gesund sein kann. Nach zu langem Aufenthalt stellt sich scheinbar fast automatisch etwa wie eine zweite (und wohl permanente) Pubertät ein, gekennzeichnet durch übermässigen Alkoholkonsum, ein starkes Bedürfnis nach Aufmerksamkeit, demonstratives Missachten sozialer Normen, der Überzeugung, als einziger zu verstehen, wie das Gastland funktioniert und abschätzigen Bemerkungen über die Einheimischen.
Einzeln sind all die Symptome gut zu verstehen: Der Alkohol hier ist billig und man ist einfach häufiger unterwegs als zu Hause. Einerseits gewöhnt man sich an die stete Aufmerksamkeit, die einem als Ausländer hier wohl oder übel zukommt und möchte dann auch unter Landsleuten wahrgenommen werden, andrerseits muss man hier oft laut und direkt sein, um überhaupt etwas zu kriegen (etwa Zugtickets...). Das mit den sozialen Normen ist auch so eine Sache - welche denn? Z.B. ist es in Europa verpönt, auf die Strasse zu rotzen, in China wird man scheel angesehen, wenn man den Rotz (auch wenn in einem Taschentuch verpackt) in die Hosentasche steckt. Leider führt dass dann oft dazu, dass sich Leute als von jeglichen Normen entbunden betrachten. Ein Anzeichen dafür ist z.B. ausgiebiges Fluchen bei jeder Gelegenheit in Gast- und Heimatsprache (für Sprachforscher wohl ein Brunnen verborgener Schätze, wo sonst konservieren sich die Kraftausdrücke aus der Auswanderungszeit so gut?). Weil einem zu Hause alle immer fragen, "wie dass denn ist in China?", legt man sich ein paar einfache Antworten zurecht, die man mit der Zeit selbst zu glauben beginnt. Die Einheimischen sind auch so ein Thema - für viele Expats sind das in der Arbeitswelt Untergebene, es gibt hier (wie wohl überall - z.B. in Australien) Beispiele kolossaler Inkompetenz und dann ist auch schnell verallgemeinert (was einem bei den Chinesen besonders leicht fällt, da sie halt schon irgendwie alle ähnlich aussehen).
Zusammengenommen führen all diese Dinge dazu, dass der einst abenteuerlustige und aufgeschlossene Expat (ja, normalerweise ist er männlich) sich immer weniger in die Gastgesellschaft einfügt, sich am liebsten mit frisch angekommenen Expats umgibt und mit denen auf seinen eigenen ausgetretenen Pfaden umherstreicht und sich die Expat-Krankheit selbst zu verstärken beginnt. Längerfristig ist der Kranke dann sowohl in seinem Heimatland als auch im Gastland nicht mehr sozialisierbar und lebt einzig in der Kunstwelt der anderen Expats, mit dem Gastland als exotischem Hintergrund.
Der sicherste Weg, die Expat-Krankheit zu vermeiden ist, rechtzeitig nach Hause zurückzukehren. Sonst sind mir noch ein paar Fälle bekannt, die es geschafft haben, sich vom Expat-Zirkus fast komplett abzuhängen und sich in die Gastgesellschaft einzufügen. Der Rest der Fälle ist ein mehr oder weniger trauriger Anblick.
Nun, dies ist auch eine Innenansicht. Auch ich bin Expat. Ich bin erst ein Jahr hier und drum wohl noch auf der sicheren Seite (ich glaube zumindest, man könnte in Europa noch Verwendung für mich finden), auch lerne ich immer noch Chinesisch und trinke unter der Woche nicht (und schon gar nicht Vormittags). Ich kenne Chinesen, die nicht meine Untergebenen sind (z.B. meine Chefs) und habe auch grossen Respekt vor vielen von ihnen. Andrerseits bin ich in der Freizeit fast nur mit Westlern unterwegs, freue mich sehr wenn ich mal Aufmerksamkeit kriege, die nicht darauf gründet, dass ich Locken hab und zeige Leuten, die frisch hierherkommen gerne meine ausgetreten Pfade und erkläre dem Rest der Welt (auch über diesen Blog) wie China funktioniert... Na ja, nochmal ein Jahr sollte ich wohl ohne bleibende Schäden überstehen können und ohne hier in jedem zweiten Satz Gopfertamminonemal zu schreiben), nachher müsst Ihr mich dann holen kommen...

Kommentare:

  1. Danke fuer den link, scheint ja in der expat bloggerwelt gerade saison zu sein. bin deiner meinung. wollte nur sagen, dass ich hier keine untergebenen habe, schon gar nicht aussies.
    allgemein wuerde ich sagen, und ich bin jetzt doch schon bald ein jahr hier, dass man als expat halt irgendwie akzeptieren muss wenn dinger anders funktionnieren. ist einfacher gesagt als getan, und komplett weg bringt man es wohl nie. ist ja nicht so, dass die natives (oder contemporary dominants) im alltagsleben erheblich bessere erfahrungen machen, sie gehen einfach anders damit um, weil es hier halt so läuft.
    kleines aussie beispiel (eines der vielen): ich hatte 4 verrottete fenster zum reparieren. glaser kommt, und macht den job. bilanz: nur drei fenster repariert, zwei davon haben neu zerbrochene scheiben, das dritte nicht mehr schliessbar, weil der flügel nicht mehr in den rahmen passt. ist halt hier so. in australien ist der job damit erledigt, in der schweiz bin ich nicht so sicher...
    ich reparier meine wohnung seither selber mit dem sackmesser, und flicke die fenster mit klebeband. no worries mate.
    gruss in die nordhemisphäre
    L.

    AntwortenLöschen
  2. Hallo Luk!
    Da bin ich ja auch einverstanden - Gerade was Handwerker angeht, ist die Schweiz echt ein Paradies (und die Stundensätze plus Fahrkosten wert) - wenn hier der Mann mit der Zange kommt (scheinbar das einzige Werkzeug das er hat), ist nachher auf jeden Fall die Wohnung dreckig, das zu Flickende ist zwar in einem anderen, aber nicht unbedingt besseren Zustand. Ich meine aber, dass man aus der Tatsache, dass hier tatsächlich gelegentlich sieben Mann nötig sind um eine Glühbirne auszuwechseln nicht schliessen darf, dass die sieben alle blöd sind - bei so einer Aktion beschäftigt und wichtig auszusehen erfordert auch eine gewisse Intelligenz...

    AntwortenLöschen
  3. Das ist ein sehr witziger Text.. Auch wenn bei mir die neue Heimat bedeutend weniger exotisch ist, erkenne ich mich als in den USA lebende Schweizerin in Deinen Expat-Beobachtungen wieder. Einziger Vorteil: Ich wohne in einem dermassen kleinen Kaff, dass es praktisch keine Expats gibt und ich mich somit wohl oder übel mit den Eingeborenen abgeben muss :-)

    AntwortenLöschen