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Freitag, 8. Januar 2010

Realitätsverweigerung

So, es ist wieder mal soweit: Ich sehe mich getrieben, das wohlige Gebiet schöner Photos aus China zu verlassen und mich stattdessen in die Niederungen der Schweizer Politik zu begeben. Und leider geht es wieder mal um die SVP. Nebenher auch um die Tatsache, dass extreme politische Strömungen aller Art scheinbar immer antiintellektuell werden und Teile der Realität komplett ausblenden (man denke etwa an China unter Mao oder die USA unter Bush dem zweiten).
Nun, die SVP der Stadt Zürich hat scheinbar zu wenig Feindbilder (die Linken, die Netten, die Muslime, Feministinnen, Frau Mauch, Kosovo-Albaner, Bundesrat Leuenberger, Sozialschmarotzer und die BDP sind nicht genug...), darum geht es jetzt auch gegen die Deutschen in der Schweiz. Die haben eigentlich nichts böses getan, sondern helfen der Schweiz unter anderem darüber hinweg dass es wegen dem unsinnigen Numerus Clausus viel zu wenig hausgemachte Mediziner gibt.
Bei der SVP heisst das dann: "Deutscher Filz macht sich breit: Denn Deutsche stellen vor allem Deutsche an - an der Uni und in den Spitälern".
Daraufhin haben 200 Professoren von Uni und ETH ein Inserat unterschrieben, in dem sie diese Aussage folgendermassen kontern:
"Als Professorinnen und Professoren der Universität Zürich und der ETH Zürich können wir dies nicht akzeptieren. Wir sind stolz auf den internationalen Ruf unserer Hochschulen und froh, dass exzellente Studierende und herausragende Kolleginnen und Kollegen aus Deutschland und vielen anderen Ländern bei uns tätig sind. Forschung und Lehre sind international, die Stärke unserer Hochschulen gründet gerade darauf, dies ernst zu nehmen. Wer sich abschottet, hat verloren.

Die rassistische und fremdenfeindliche Rhetorik, Ideologie und Politik der SVP torpediert die Ausbildung unserer Jugend, setzt unsere Zukunft aufs Spiel, vergiftet unsere Gesellschaft und gefährdet das, was unsere Stadt und unser Land lebenswert macht: die freundschaftliche Nachbarschaft unterschiedlicher Kulturen."

Würde ich auch so unterschreiben (bin natürlich kein Professor...).

Die Antworten der SVP darauf schlagen dem Fass endgültig den Boden aus; es handle sich bei den Professoren um eine "selbsternannte classe elitaire", gar es seinen "keine nahmhaften Lehrstuhlinhaber" darunter. Und hält am "Deutschenproblem" fest, beruft sich dabei aber ausschliesslich auf Hörensagen ohne Quellenangabe. 200 ETH und Uniprofessoren (von denen ich einige persönlich kenne und sowohl menschlich als auch fachlich schätzen gelernt habe) die Qualifikation abzusprechen und damit einem gewichtigen Teil der intellektuellen Elite Zürichs (ja, Universitätsprofessoren sind intellektuelle Elite) zu verunglimpfen kann ich nicht durchgehen lassen. Ich fürchte, dass dies nur der Anfang einer Kampagne ist, einen Graben zwischen "Intelligenz" und "Volk" aufzubauen (ähnlich der Taktik der Republikaner in den USA und auch eine ungeheuerliche Beleidigung für das Volk) um nur noch diejenigen Wahrheiten akzeptieren zu müssen, die ins eigene Weltbild passen (wie dies die SVP etwa in der Klimapolitik bereits tut).
Ich hoffe sehr, dass die grosse Mehrheit der Schweizer weiterhin Entscheide auf Fakten und den Einsichten von Experten, die ein tiefes Verständnis einer Materie haben baut und nicht einfach blind der SVP glaubt. Es gilt, die Traditionen der Aufklärung, Offenheit und Liberalismus gegen den Gartenzaun-Stumpfsinn der SVP und ihren Alleinanspruch, das "Volk" zu vertreten zu verteidigen. Und wie die Minarettinitiative beweist, ist die Lage ernst, sehr, sehr ernst.

Donnerstag, 9. Juli 2009

Gewalt

Wieder ist ein ethnischer Konflikt in China in offene Gewalt umgeschlagen und hat es bis in die Weltpresse geschafft. Diesmal geht es um die Uiguren in Xinjiang. Die Basis des Konflikts liegt ähnlich wie in Tibet; die Uiguren bewohnen ein riesiges, im wesentlichen leeres (zumindes im Vergleich zu China an der Küste) Gebiet, das reich an Rohstoffen ist und in der Geschichte zeitweise von China beherrscht wurde, zeitweise nicht. Die Konflikte entzünden sich daran, dass immer mehr Han-Chinesen in diese Gebiete einwandern (durchaus von der Zentralregierung unterstützt) und dort dann wirtschaftlich oft erfolgreicher sind als die Einheimischen. Zudem sind Uiguren wie auch Tibeter stolze Bergvölker und die Han manchmal doch sehr nationalistisch.
Dass da nicht immer eitel Freude herrscht ist klar, aber ab dem Ausmass der Gewalt erschrecke ich doch. Einerseits die Härte, mit der der Chinesische Staat durchgreift (es wurde geschossen, und Schusswaffen haben in China fast nur die Sicherheitskräfte), andrerseits aber auch diese Aug-um-Auge Mentalität auf allen Seiten. "Gestern Nacht starben 150 Leute - dann schnapp ich mir jetzt eine Eisenstange und misch ein bisschen das Quartier auf" - wer denkt so?
Oder um die Frage anders zu stellen: Wieso haben die grauenvollen Kriegserfahrungen des 20. Jahrhunderts Westeuropa in eine ziemlich pazifistische Zone verwandelt (mit Ausnahemn, zum Glück aber wenigen), andere Gegenden der Welt aber nicht? Gerade in China, wo mit Bürgerkrieg, Weltkrieg, Bürgerkrieg, Kulturrevolution Milliarden Leute über Jahrzehnte unsagbares gelitten haben, hoffe ich auf die Einsicht, das Gewalt unter Nachbarn keine Probleme löst, sondern immer neue schafft. Wieso ist dem nicht so? Ich finde das alles sehr deprimierend.

Freitag, 20. Februar 2009

Keynes und die Kommunisten

Die Grundzüge des Keynsianismus sind ebenso einfach wie einleuchtend: In einer Rezession oder Depression geben die Privaten zu wenig Geld aus, um die Wirtschaft auszulasten, also muss der Staat einspringen und (auf Pump) Geld ausgeben; selbstverständlich soll das Geld in der Hochkonjunktur dann wieder eingespart werden. Um wirkungsvoll zu sein, muss das Geld so früh wie möglich in der Rezession ausgegeben werden und da investiert werden, wo es möglichst viel Bruttosozialprodukt generiert.
In westlichen Demokratien hat der Keynsianisums mit vielen Problemen zu kämpfen, so vielen, dass die Wirksamkeit schon fast in Frage zu stellen ist; anders hier in China - hier müsste es meiner Meinung nach eigentlich funktionieren. Hier ein paar Gründe, weshalb ich zu diesem Schluss kommen, und für die Chinesische Wirtschaft halbwegs optimistisch bin:
  • Im Westen sind in der Rezession die Linken (in Kontinentaleuropa: alle) Keynsianer, in der Hochkonjunktur die Rechten (in Kontinentaleuropa: niemand). In der Rezession werden Schulden gemacht, die in der Hochkonjunktur nicht abgebaut werden. China andererseits hat aus der vorhergehenden Hochkonjunktur massive Reserven, die jetzt angezapft werden. Auch machen hier jedes Jahr mehr oder weniger die gleichen Jungs das Budget; man kann Probleme nicht auf die Vorgängerregierung oder die Nachfolger abwälzen.
  • Die Chinesen können heute beschliessen, Geld auszugeben, am nächsten Dienstag sind 20'000 Mann am Schaufeln. Bis in Europa eine Ausschreibung durch ist, ist auch schon der übernächste Konjunkturzyklus. Oder auch die massiven Investitionen in die Wissenschaft in den USA (an sich toll); bis die auf die Wirtschaft durchschlagen, ist die Rezession hoffentlich vorbei. Die Chinesen haben ihr grosses Konjunkturpaket im Herbst 2008 beschlossen; die USA, Deutschland und die Schweiz, wo die Zeit zur Umsetzung viel länger ist, erst jetzt oder sind noch dran...
  • In China gibt es sinnvolle Infrastrukturprojekte mit potentiell enormen Multiplikatoren: Eine Millionstadt an Autobahn oder Zug anzuschliessen beschäftigt nicht nur die Bauarbeiter, sondern eröffnet auch für die Million Einwohner neue wirtschaftliche Möglichkeiten. Schulhäuser sanieren (Deutschland) oder existierende Strassen frisch teeren (USA) mag durchaus angebracht sein, bringt aber an indirektem Aufschwung deutlich weniger.
  • Und schliesslich: Chinas Wirtschaft muss wachsen, um mit dem Wachstum der Arbeitsbevölkerung mitzuhalten und all den Armen auf dem Land die Aussicht auf ein besseres Leben zu geben. Im Westen werden wir uns, wie ich auch schon mal geschrieben hab, an etwas weniger Wachstum gewöhnen müssen.
Etwas anderes Thema: Bei Freakonomics hab ich gelesen, dass ausser in den 20er Jahren und seit den 80ern Banker normalerweise nicht mehr verdienten als andere; dass in diesen beiden Perioden die Banker zu kreativ wurden und die Regulierungsbehörden die richtig guten Leute nicht mehr bezahlen konnten; die grosse Depression und was wir jetzt haben als Folgen. Auch hier steht China gut da; Bankenjobs kommen ziemlich weit unten auf der Beliebtheitsliste...

Freitag, 6. Februar 2009

Suche die Fehler....

Sonst bin ich ja bekanntermassen ein grosser Fan der NZZ, die abgebildete Karte zum Chinesischen Dürrenotstand lässt mich hingegen schon fast erschauern in ihrer Ungenauigkeit.
Erstens mal sind die von der Dürre betroffenen Provinzen Anhui und Henan, nicht Hunan (ja chinsich ist eine sehr lautarme Sprache...). Immerhin ist aber Mao's Heimatprovinz Hunan am richtigen Ort eingezeichnet; auch dem ungeübten Betrachter sollte aber auffallen, dass dass sie nicht in Nordchina liegt...
Zweitens gibst in China zwei grosse Flüsse, nämlich den gelben Fluss (Huang He) und den langen Fluss (Chang Jiang, im Westen auch als Yangtze bekannt). Was auf der Karte mit gelber Fluss angeschrieben ist, ist nun eben gerade der andere Fluss, der lange, der bei Shanghai ins Meer fliesst, und der von der Dürre kaum betroffen ist.
Und drittens versuchen Medien aller Art mit Karten immer Taiwanpolitik zu betreiben und tun so, als wären unsere Chefs hier in Beijing die einzigen, die Taiwan nicht als eigenen Staat anerkennen. Dies ist nicht der Fall: Hier das Statement von der Website des EDA:
"Seit der Anerkennung der Volksrepublik China am 17. Januar 1950 anerkennt die Schweiz die "Republik China", wie die taiwanesischen Behörden sich auch heute noch bezeichnen, nicht mehr. Die Schweiz hält seither konsequent an ihrer Ein-China-Politik fest, das heisst, sie anerkennt in ihren bilateralen Beziehungen und auf internationaler Ebene nur ein China, nämlich die Volksrepublik China mit Regierungssitz in Peking."
Ob man das mag oder nicht, das ist die Haltung fast aller Regierungen der Welt (mit Ausnahme von ein paar Inseln im Pazifik). Man soll also bitte nicht versuchen, mit so grauenhafter Kartographie etwas anderes zu behaupten...

Grafik aus: "Dürrenotstand in China" - NZZ Online 6. Februar 2009, 14:33

Freitag, 30. Januar 2009

Die Fahne der Freiheit?

In Davos findet wie jedes Jahr das World Econmic Forum (WEF) statt, und wie jedes Jahr gibt es drum herum einiges an Aufregung. In einem Geschäft in Davos hatte die Betreiberin zum Besuch Wen Jiabaos eine Fahne des "freien Tibets" und Schriften des Dalai Lamas ausgelegt. Die Polizei liess die Fahne und auch die Bücher entfernen, die Bücher durften später wieder zurück.
Nun, ich hab hier schon öfters für eine differenzierte Betrachtungsweise der Tibetfrage geworben und vor allem bin ich nicht der Meinung, dass das Aufhängen einer Flagge in Davos etwas zur Lösung beiträgt, aber das ist hier nicht der Punkt. Davos liegt nun mal in der Schweiz und nicht in China und wir haben das Recht, frei unsere Meinung zu äussern, egal ob die nun nett oder richtig ist. Ich weiss, dass ich in Beijing keine Tibet-Flagge in mein Fenster hängen darf - ich bin hier zu Gast und habe das zu akzeptieren. Genauso darf ich in der Schweiz fast jede beliebige Flagge in mein Fenster hängen und Gäste haben das zu akzeptieren. Mir ist bewusst, dass die Chinesischen Offiziellen auch schon sehr gereizt auf Free-Tibet-Demonstrationen in der Schweiz reagiert haben, aber es gibt nun mal eine Demonstrationsfreiheit und die Freiheiten, an die wir glauben, sollten wir auch (und vor allem) gegenüber Staatsgästen vertreten können.
In einem anderen Fall hat das Bezirksgericht Aarau gerade Bussen gegen Mitglieder der PNOS (Partei National Orientierter Schweizer) bestätigt, weil die in ihrem Parteiprogramm geschrieben hatten, nicht alle Menschen sollten in jedem Land die selben Rechte haben. Das verstösst scheinbar gegen die Antirassismusstrafnorm. Und auch wenn in diesem Fall (im Gegensatz zur Fahne) eine auch vom Volk abgesegnete Gesetzesgrundlage da ist, halte ich auch dies für falsch. Man soll auch das Recht haben, dummes Zeug zu schwätzen - und vor allem soll nicht der Staat entscheiden, was dummes Zeug ist. Nur weil ich mit den "politisch korrekten" öfter übereinstimme als mit den Anhängern der PNOS, so sollen doch nicht jene festlegen dürfen, was diese öffentlich sagen dürfen. Die freie Meinungsäusserung ist ein sehr hohes Gut, was ich gerade auch hier, in Abwesenheit derselben, eindrücklich erfahren habe. Natürlich soll es auch Grenzen geben, etwa bei Beleidigungen und Ehrverletzung, aber braucht es Grenzen, was die Gesinnung angeht? Eine Tibet-Fahne soll man aufhängen dürfen, wie ist es mit einer Südstaaten- (Konföderierten-) Fahne, für viele ein Symbol der Sklaverei? Soll man eine Hakenkreuzfahne ins Schaufenster hängen dürfen? Wieso - oder wieso nicht? Diskussion in den Kommentaren ausdrücklich erwünscht...

Donnerstag, 15. Januar 2009

Müssen wir alle Ängste ernst nehmen?

Ich lese gerade "Schöner Denken" - ein ziemlich gescheites Buch darüber, wie man mit Sprache Politik machen kann und wieviel Blödsinn sich hinter Floskeln versteckt. Einer meiner Favoriten ist "man muss die Ängste von ... ernstnehmen". Muss man das wirklich? Muss man das auch noch, wenn die Ängste völlig irrational sind, so etwa die vor dem LHC? Oder so diffus, dass man nicht mehr weiss, wovor sich die Leute eigentlich fürchten (Atome, Gene, Chemie...). Muss man nicht. Und es ist an der Zeit, dass die, die es besser wissen (wissen im eigentlichen Sinne), auch laut sagen, wenn etwas Humbug ist. Gegnüber Halb- und Unwahrheiten und ideologischer Verbrämtheit darf man nicht tolerant und sensibel sein.
Konkretes Beispiel, heute bei Spiegel Online gesehen: Das Alfred Wegener Institut will im Südatlantik einen Versuch zur Düngung des Meeres mit Eisensulfat durchführen. Die Idee ist, dass diese Düngung zu einem Algenwachstum führt, die Algen haben alle ein kleines Skelett, in dem sie CO2 binden und sinken nach ihrem Tod auf den Meeresgrund. In sehr grossem Umfang durchgeführt wäre dies eine Möglichkeit der Atmosphäre CO2 zu entziehen und dies für 100 von Millionen Jahren im Sediment zu binden. Wie jede grosse Aktion (ich versuche hier bewusst "Eingriff des Menschen in die Natur" nicht zu verwenden) hat so was sicher auch Nebenwirkungen und man weiss auch nicht so genau, wie gut es überhaupt funktioniert. Drum will man ja das Experiment durchführen - bewusst auch in einer Gegend, wo biologisch nicht viel los ist und vor allem wegen eines Wirbels fast kein Wasseraustausch mit der Umgebung stattfindet.
Der Versuch ist nun gestoppt worden, weil die "Aktionskonferenz Nordsee" Einsprache erhebt, und ihre Bedenken nicht etwa wissenschaftlich begründet (da gäbe es vielleicht sogar was), sonder man ist dagegen, weil: "Hintergrund ist das wirtschaftliche Interesse, eine billige Lösung des weltweiten CO²-Problems zu finden." Ein wirtschaftliches Interesse ist alleine schon verwerflich. Düngung der Meere ist sicher kein Allheilmittel, aber man muss das Klima nicht notwendigerweise auf die teuerste Art retten. Ich bin ein grosser Befürworter von Co2 Reduktionen wo immer es geht, aber manchmal gehts halt nicht (und ihr findet es doch alle ganz nett, wenn ich gelegentlich in Europa vorbeischaue) und das Co2, das schon in der Atmosphäre ist, geht mit Selbstkasteiung und Windrädern auch nicht weg - da wird man sich wohl was einfallen lassen müssen. Und das wird Chemie beinhalten, Grosstechnik, vielleicht sogar Nuklearenergie.
Gerade die Klimadebatte zeigt, wie ideologische Verstocktheit auf beiden Seiten zu kompletter Realitätsverweigerung führt. Auf der einen Seite die "Skeptiker", die eine antropogene Erderwärmung trotz überwältigender Faktenlast in Abrede stellen - ihnen muss man wenigstens zugestehen, dass sie konsequent sind und weiterhin Öl verbrennen, als ob es kein Morgen gäbe. Auf der anderen Seite die Umweltaktivisten, die glauben mit Windrädern und Solarzellen sowie gelegentlichem Castor-Transport-Aufhalten liesse sich das Klima retten, was genau so realitätsfern ist. Und noch schlimmer: Öl verbrennen als ob es kein Morgen gäbe tun sie auch noch (Ökostrom auf der EWZ-Rechnung machts noch nicht aus...).
Gerade wenn die Probleme gross erscheinen, muss man ihnen in die Augen schauen und die objektiv besten Lösungen suchen (selten sind das die, die der eigenen Klientele die meisten Subventionen bringen) - manchmal auch wenns einem gegen den Strich geht.

Mittwoch, 17. Dezember 2008

Wer spinnt?

Heute Vormittag hab ich mich mal wieder gefragt, ob das Problem bei mir oder doch irgendwo anders liegt. Draussen wunderbares Wetter, Temperatur ein paar Grad. In unserem Büro die Vorhänge zu und die Neonlampen an, ein Fenster offen und die Heizung (kommt aus der Lüftung) an, gefühlte Temperatur 29 Grad. Ausser mir scheint das niemanden zu stören, im Gegenteil, die Jungs tragen sogar noch Jacken. Da stell ich mir dann jeweils die Frage, wo genau das Problem ist; ist es eine von diesen Westler-Psychosen, sich über so was überhaupt aufzuregen, haben die anderen Jungs tatsächlich keine Ahnung (unwahrscheinlich, als Physiker...), sollte ich da gleich einen Vortrag halten, statt mich da einfach hinein zu fügen?

Kleine und grosse Schneeballsysteme

Mit dem Fall Madoff ist das wohl grösste von einem Einzelnen organisierte Schneeballsystem zusammengebrochen und alle sind ganz erschrocken, haben von nichts gewusst und sicher nichts damit zu tun. Auch die Subprimekrise ist der Zusammenbruch von einer Art Schneeballsystem, bei dem der Immobilienmarkt damit hochgetrieben wurde, dass z.B. Häuser auf Kredit gekauft werden konnten und der Preisanatieg des Hauses die Zinsen bezahlt hat (z.B. ARMs, Adjustable Rate Mortgages). Nun scheint ein gewisser Hang zu Schneeballsystemen zur menschlichen Natur zu gehören, doch normalerweise brechen diese zusammen weil sich keine Dummen mehr finden, bevor gesamtwirtschaftlicher Schaden entsteht.
Das dies in letzter Zeit nicht mehr zwingend der Fall war, zeigt meiner Meinung nach, dass der Kapitalismus tatsächlich in einer Krise steckt. Das Problem ist nicht die Marx'sche Trennung von Kapital und Arbeit, sondern die immer weiter fortschreitende Trennung von Kapital und Verantwortung. Das Kapital ist nicht mehr wie zu Marx' Zeiten in den Händen von einigen wenigen Carnegies und Rockefellers konzentriert, sondern kommt im wesentlichen aus unser aller Altersvorsorge und unseren Versicherungen. Pensionskassen und Versicherungen investieren in Fonds, die wiederum in andere Fonds investieren, die wiederum z.B. bei Herrn Madoff investieren oder auch so schöne Dinge wie CDO (Collateralized Debt Obligations) kaufen. CDOs wiederum beruhen auf Hypotheken, aber nicht direkt - der Amerikanische Hauskäufer geht z.B. zu seinem Hypothekenvermittler um eine Hypothek zu kriegen. Dieser arbeitet (auf Kommisionsbasis), für seine lokale Bank, die ihm die Hypothek quais im Moment der Unterschrift abnimmt. Die lokale Bank wiederum verkauft die Hypothek noch bevor die erste Rate fällig wird an z.B. Wells Fargo weiter. Wells Fargo kümmert sich ums Eintreiben derr Raten, verkauft die Hypothek aber nach einigen Monaten z.B. an Lehman Brothers weiter, erhält aber bis zum Ende der Laufzeit Gebühren fürs Eintreiben der Raten. Lehman wiederum wirft die Hypothek mit vielen anderen in einen grossen Topf, und spaltet diesen Topf dann virtuell wieder in bessere und schlechtere Tranchen auf und verkauft diese dann weiter an Fonds, die gehen dann an grosse Investoren wie Pensionskassen oder Versicherungen.
Das Problem ist nicht nur ich, der ich Kapital stelle (im Falle der 2. Säule stellen muss) und die Entscheidung darüber, ob eine Hypothek vergeben wird, durch viele, viele Stufen getrennt sind, sondern, dass auf jeder Stufe falsche Anreize da sind. Wenn der Häusermarkt zusammenbricht, ist am Schluss in erster Linie mein Geld weg - alle dazwischen haben ihre Gebühren aber schon erhalten. Und je mehr gebastelt wird, desto mehr Gebühren gibts... Dass es in dieser langen Kette auch zwischen raus einige überstellt hat, liegt auch an der Tatsache, dass wir auch von einer Pensionskasse mehr Rendite erwarten, als vernünftig ist, und drum fast auf allen Zwischenstufen ein Hebel eingesetzt wird, wo das primäre Kapital als Sicherheit für günstige Kredite (hier kommt das schlecht verzinste, aber kurzfristig verfügbare Geld von meinem Girokonto ins Spiel) verwendet wird, und somit das X-fache des ursprünglichen Kapitals eingestzt werden kann, was das Schneeballsystem zusätzlich antreibt.
Diese Exzesse sind fürs erste vorbei, leider auch mit schlimmen Auswirkungen auf den ganzen Rest der Wirtschaft. Da es im Moment sehr Populär ist, schwarz zu malen (was auch sehr schlecht ist für die Wirtschaft), möchte ich kurz die Frage aufwerfen, ob denn nicht die Weltwirtschaft als ganzes eine Art Schneeballsystem ist? Da die Weltwirtschaft offensichtlich nur mit einem realen Wirtschaftswachstum funktioniert, muss die Antwort langfristig ein ja sein.
Jedes Jahr ein bisschen Wachstum summiert sich über die Zeit zu grossen Faktoren - nicht umsonst meinte Einstein “The most powerful force in the universe is compound interest”.
Mit 3% jährlichem Wachstum erreichen wir (hypothetisch) z.B. etwa im Jahre 2200 den Punkt, wo wir mehr Energie verbrauchen, als die Erde von der Sonne erhält. Vieles anderes wird schon deutlich früher ausgehen. Wohl noch vor Öl und Eisen werden uns billige Arbeitskräfte ausgehen - im Schneeballsystem Weltwirtschaft diejenigen, welche jetzt "einzahlen", um die vorgegaukelte Rendite für die entwickelten Nationen zu finanzieren. Im Moment funktioniert das System (trotz der Momentanen Krise) auch noch so gut, dass die "einzahlenden" Chinesen auch davon profitieren. Aber gerade in der kommenden Zeit mit weniger Wachstum sollten wir uns klar darüber werden, dass wir uns mittelfristig (ich denke wohl so um 40-50 Jahre wenns dumm geht sinds 20) auf ein permanentes Nullwachstum einstellen müssen. Helfen dürfte dabei, dass bis dann auch die Weltbevölkerung nicht mehr stark zunimmt, aber es wird nicht einfach werde., Man sollte so langsam darüber nachdenken, wie so etwas funktionieren könnte (z.B. werd ich dann ja wohl Pensionskassenleistungen beziehen) - Lösung hab ich keine, aber ein Bauchgefühl, dass Kapital und Verantwortung wieder näher beeinander liegen sollten.

Donnerstag, 4. Dezember 2008

Nur damit ich es auch noch laut gesagt habe...


Meine beiden Schafe müssen mal wieder hinhalten. Denn ich will mal wieder dem Rest der Welt erklären, wie hier die Politik funktioniert und wie ähnlich sich die Schweiz und China doch sind...

Also: In China gibt es eine besonders wichtige Partei (ja, die mit dem Werkzeug im Logo) und noch ein paar andere, mehr pro Forma. Die besonders wichtige Partei sagt im wesentlichen, was läuft; über die anderen Parteien spricht (zu recht) kaum jemand. Wenn es darum geht, politische Ämter neu zu besetzten, so schlug traditionell die besonders wichtige Partei (mit dem Werkzeug im Logo, ihr wisst schon) einen Kandidaten vor (oft der Chef der besonders wichtigen Partei sich selbst - wobei auch zu beachten ist, dass der eigentliche Chef der besonders wichtigen Partei oft nicht der war, bei dem "Chef" draufstand). Nun in China war das System so, dass damit die Wahl eigentlich immer schon gelaufen war (Achtung: Hier bricht die Parallele ganz kurz zusammen - in der Schweiz können Wahlgremien tatsächlich etwas sagen und daraus kann man, so man denn will, etwas lernen). Nun ist es in China so, dass seit kurzem auch die grosse, wichtige Partei den Wert von Demokratie erkannt hat, und neuerdings etwas mehr Kandidaten aufstellt, als Ämter zur Verfügung stehen. Selbstverständlich sind aber alle Kandidaten gute Parteimitglieder und wussten schon immer, dass sie als einzige die wahre Volksmeinung vertreten. Auch wenn ausnahmsweise mal nicht der erste Vorschlag gewählt wird, so ist dadurch noch lange nicht die Linie der Partei - und damit des Staates - gefährdet. So perpetuiert sich die Dominanz der besonders wichtigen Partei ganz von selbst.

In der Schweiz gibt es hingegen keine Werkzeugpartei von Bedeutung, sondern eine Sonnenpartei (die aber treffender eine Mistgabel oder eben ein schwarzes Schaf im Logo führen würde). Nun folgt die eigentliche Message: In der Schweiz gibt es (auch wenn das oft vergessen wird) noch andere Parteien (die zusammen so etwas mehr als zwei Drittel des Volkes vertreten) und für die auch kein Zwang besteht, irgend einer Parteilinie (nicht mal der eigenen) zu folgen. Und drum müssen sie auch weder den Chef der schwarzen Schafe, noch den, auf dem jahrelang "Chef" draufstand wählen. Ich für meinen Teil wählte keinen der beiden (dass sie weder Berndeutsch noch Englisch können ist schon fast Grund genug).

Sonntag, 30. November 2008

Die Expat-Krankheit - Versuch einer Selbstdiagnose

Es ist Advent - und hier in Beijing bedeutet das, dass in der Deutschen Botschaft der traditionelle Weihnachtsmarkt abgehalten wird. Wie das mit Deutschen Weihnachstmärkten so ist, ist das eine exzellente Gelegenheit, grössere Mengen Glühwein zu trinken. Es ist auch eine schöne Gelegenheit, Expats (und damit in meinem Fall auch mich selbst) zu studieren. Samstag Abend war dann auch noch Neue-Deutsche-Welle-Party im Obiwan, ebenfalls eine ziemlich Ausländer-dominierte Angelegenheit (und lustig - wann hab ich das letzte Mal sechs Stunden durchgetanzt?).
Nun, wenn man sich die Expats so anschaut, vor allem die, die schon länger da sind, so kommt man zum Schluss, dass das nicht nur gesund sein kann. Nach zu langem Aufenthalt stellt sich scheinbar fast automatisch etwa wie eine zweite (und wohl permanente) Pubertät ein, gekennzeichnet durch übermässigen Alkoholkonsum, ein starkes Bedürfnis nach Aufmerksamkeit, demonstratives Missachten sozialer Normen, der Überzeugung, als einziger zu verstehen, wie das Gastland funktioniert und abschätzigen Bemerkungen über die Einheimischen.
Einzeln sind all die Symptome gut zu verstehen: Der Alkohol hier ist billig und man ist einfach häufiger unterwegs als zu Hause. Einerseits gewöhnt man sich an die stete Aufmerksamkeit, die einem als Ausländer hier wohl oder übel zukommt und möchte dann auch unter Landsleuten wahrgenommen werden, andrerseits muss man hier oft laut und direkt sein, um überhaupt etwas zu kriegen (etwa Zugtickets...). Das mit den sozialen Normen ist auch so eine Sache - welche denn? Z.B. ist es in Europa verpönt, auf die Strasse zu rotzen, in China wird man scheel angesehen, wenn man den Rotz (auch wenn in einem Taschentuch verpackt) in die Hosentasche steckt. Leider führt dass dann oft dazu, dass sich Leute als von jeglichen Normen entbunden betrachten. Ein Anzeichen dafür ist z.B. ausgiebiges Fluchen bei jeder Gelegenheit in Gast- und Heimatsprache (für Sprachforscher wohl ein Brunnen verborgener Schätze, wo sonst konservieren sich die Kraftausdrücke aus der Auswanderungszeit so gut?). Weil einem zu Hause alle immer fragen, "wie dass denn ist in China?", legt man sich ein paar einfache Antworten zurecht, die man mit der Zeit selbst zu glauben beginnt. Die Einheimischen sind auch so ein Thema - für viele Expats sind das in der Arbeitswelt Untergebene, es gibt hier (wie wohl überall - z.B. in Australien) Beispiele kolossaler Inkompetenz und dann ist auch schnell verallgemeinert (was einem bei den Chinesen besonders leicht fällt, da sie halt schon irgendwie alle ähnlich aussehen).
Zusammengenommen führen all diese Dinge dazu, dass der einst abenteuerlustige und aufgeschlossene Expat (ja, normalerweise ist er männlich) sich immer weniger in die Gastgesellschaft einfügt, sich am liebsten mit frisch angekommenen Expats umgibt und mit denen auf seinen eigenen ausgetretenen Pfaden umherstreicht und sich die Expat-Krankheit selbst zu verstärken beginnt. Längerfristig ist der Kranke dann sowohl in seinem Heimatland als auch im Gastland nicht mehr sozialisierbar und lebt einzig in der Kunstwelt der anderen Expats, mit dem Gastland als exotischem Hintergrund.
Der sicherste Weg, die Expat-Krankheit zu vermeiden ist, rechtzeitig nach Hause zurückzukehren. Sonst sind mir noch ein paar Fälle bekannt, die es geschafft haben, sich vom Expat-Zirkus fast komplett abzuhängen und sich in die Gastgesellschaft einzufügen. Der Rest der Fälle ist ein mehr oder weniger trauriger Anblick.
Nun, dies ist auch eine Innenansicht. Auch ich bin Expat. Ich bin erst ein Jahr hier und drum wohl noch auf der sicheren Seite (ich glaube zumindest, man könnte in Europa noch Verwendung für mich finden), auch lerne ich immer noch Chinesisch und trinke unter der Woche nicht (und schon gar nicht Vormittags). Ich kenne Chinesen, die nicht meine Untergebenen sind (z.B. meine Chefs) und habe auch grossen Respekt vor vielen von ihnen. Andrerseits bin ich in der Freizeit fast nur mit Westlern unterwegs, freue mich sehr wenn ich mal Aufmerksamkeit kriege, die nicht darauf gründet, dass ich Locken hab und zeige Leuten, die frisch hierherkommen gerne meine ausgetreten Pfade und erkläre dem Rest der Welt (auch über diesen Blog) wie China funktioniert... Na ja, nochmal ein Jahr sollte ich wohl ohne bleibende Schäden überstehen können und ohne hier in jedem zweiten Satz Gopfertamminonemal zu schreiben), nachher müsst Ihr mich dann holen kommen...

Montag, 10. November 2008

Grosses Kino

Kurz vor und kurz nach meiner Europareise hatte ich meine ersten Kinoerfahrungen hier in China, wobei beide wohl nicht so besonders Chinatypisch waren, weshalb das hier wohl auch gleich in eine Filmkritik abgleiten wird. Nun, der erste Film war ein chinesischer (mit Englischen Untertiteln) namens "Night Train" (夜车) und wurde im Yu gong Yishan (einem Konzertlokal) so als halb private Vorführung gezeigt (der Film ist für chinesische Kinos nicht zugelassen). Der zweite Film war dann Englisch mit Chinesischen Untertiteln und wurde im grossen Saal von Megabox, dem neuen Multiplex im Sanlitun Village gezeigt. (Und ja, es war der neue Bond).
Nun zu Night Train; wie Jonas so treffend bemerkte: "Chinesische Filme sind entweder Kung-Fu-Filme oder depressiv". Night Train enthält kein Kung Fu. Die Geschichte handelt von einer einsamen Gerichtsangestellten (die gelegentlich auch Hinrichtungen vornehmen muss) und einem einsamen Stahlarbeiter (dessen Frau hingerichtet wurde), die über eine Partnervermittlung zueinander finden; im Lauf des Filmes finden beide heraus, dass sich ihre Geschichten auch in der Hinrichtung schon gekreuzt haben. Also kein leichter Stoff, dem belastenden Thema Todesstrafe aber durchaus angemessen. Handwerklich ist der Film hervorragend gemacht; die Schwerindustriestadt im Chinesischen Hinterland bietet einen depressiven Hintergrund für eine traurige Geschichte. Lange Sequenzen bleierner Stille wechseln ab mit wenigen Gefühlsausbrüchen, alles hervorragend gespielt. Manchmal wird allerdings auch etwas dick aufgetragen, werden etwas gar viele Symbole ins Bild geschoben (zum Beispiel in der Szene mit dem Pferd kurz vor Schluss). Anschliessend an den Film gabs ein Interview mit der Hauptdarstellerin (leider ohne Untertitel...), die sich überraschenderweise als Befürworterin der Todesstrafe outete.
Der neue Bond hat inhaltlich nicht viel mit Night Train gemein - entgegen anderslautenden Behauptungen wird das erschiessen von Leuten nicht gross reflektiert. Die übliche hanebüchene Bondstory geht in der Action komplett unter, was kein Verlust ist. Vermisst hingegen habe ich die faulen Sprüche, Q und die obligate Schlussszene. Wer daran genau Schuld ist, ist schwer zu beurteilen und auch nicht so wichtig. Was mich trotz allem für den Film einnimmt ist die Ästhetik sowohl der Actionszenen als auch der restlichen Sequenzen. Hier blitzt die Meisterschaft Marc Forster's auf. Und hier liegt auch die Gemeinsamkeit mit Night Train: Keine Einstellung ist zufällig, was das Filmhandwerk angeht, sind Perfektionisten am Werk. Ich kann drum beide Filme empfehlen (als ob das jemanden interessieren würde...) - nur schon als Folge von schönen Einzelbildern; bei Night Train lohnt sichs auch inhaltlich.

Samstag, 27. September 2008

Stäbchen im All

Wie der geneigte Leser sicher aus anderen Medien mitgekriegt hat, befinden sich zur Zeit drei Chinesen im All (und zwar mit Absicht, nicht wegen zu viel Doping beim Stabhochsprung). Des Expats liebste Zeitung, China Daily, berichtet natürlich noch intensiver, auch über die Begeisterung im Westen über den Chinesischen Ausflug ins All. Für alle, die nicht die Musse haben, sich durch die hunderten von Artikeln durchzukämpfen, hier ein paar der wichtigsten Statements des Staatsmediums:
Exploration program has 'Chinese characteristics': Spacemen will feast on haute cuisine: "What do Chinese astronauts eat in space? Not just dehydrated biscuits as many people imagine. They now have choices like shredded pork sauteed with garlic and chili sauce, and grilled beef with spicy sauce. (...) more than 100 varieties of food (...) During the mission, the astronauts will have three meals a day with five dishes on the menu." Das klingt auf jeden Fall besser als beim Spaceshuttle oder bei Lufthansa. Mit dem Garlic kommt in der kleinen Kapsel auch gleich dich Stimmung wie in einem Beijinger Taxi auf - leider kann man im luftleeren Raum nicht Hupen.

"China's Shenzhou VII astronauts will take traditional Chinese medicine in their spaceflight to treat space motion sickness, a doctor with the astronauts training center said on Thursday.
The medicine, prepared in capsule forms, is called "Taikong Yangxin (space heart-nourishing) Capsule". It can be diluted with water and taken to treat motion sickness in the space flight, said Li Yongzhi, director of medical department of the China Astronaut Research and Training Center. "It is made of more than ten types of Chinese herbs, and has proven to be effective in improving the astronauts' cardiovascular conditions," she said." Na, da haben wir ja nochmals Glück gehabt, dass die altvorderen Ärzte und TCM-Begründer auch an die Eventualitäten der Schwerelosigkeit gedacht haben.
Und natürlich sind alle überglücklich, hier ein besonders Schönes Stück investigativen Journalismus':
"It was as if all spring festivals, new years and Christmases had come at once." Schön, dass man da auch auf uns Westler mit Weihnachten Rücksicht nimmt. Spring Festival ist übrigens das Chinesische Neujahr. "Spectators held their breath waiting for that vital moment -- blast off.
And when it arrived, and was successful, there was laughter, hugs, applause and flashlights. The astronauts' brief ceremony earlier in the afternoon, had given way to a genuine party, much like that of a wedding ceremony, where after the formalities, the couple are sent on their way in a limousine with good wishes." Eine gute Party ist eine, die ein fixes Ende hat und wo die Gastgeber nachher möglichst weit weg sind...
"Even with dozens of soldiers trying to clear the crowds, the vehicle carrying the three astronauts to the launch site, had to stop frequently. There were simply too many people -- technicians, relatives, children, reporters, tourists, and soldiers." Nun, hier liest man ausserordentliches - das Militär hat tatsächlich für einen Moment die Kontrolle verloren, muss wohl wirklich eine ziemlich gute Stimmung gewesen sein. Bei "Even with dozens of soldiers trying to clear the crowds" wird einem schnell etwas mulmig, un man denkt an...
"For a moment, it felt like being at Tiananmen Square during..." - Nein, diese Ananalogie können die ja nicht im Ernst bringen - "the 50th Anniversary parade of the People's Republic of China" - doch nicht. Der 50. Jahrestag war übrigens, als entlang der Chang'an den ganzen Tag niemand die Vorhänge öffenen durfte. Und wer die ungewollte Ironie noch nicht mitbekommen hat, dem wird mit einem zweiten, ebenfalls sehr gelungenen Beispiel nachgeholfen: "or amid crowds supporting the Olympic torch relay recently". Na denn. Den hier glaub ich dann schon eher wieder: "Almost everyone took out their cameras and began to make pose."

Den drei Taikonauten wünsche ich weiterhin alles Gute und eine sichere Rückkehr ins Mutterland (und Vorsicht mit dem Knoblauch!).

Mittwoch, 17. September 2008

Investmenthilfe

Die Börse stürzt mal wieder ab, jetzt wo es offensichtlich ist, haben es alle Analysten schon immer gewusst (und trotzdem waren ihre Arbeitgeber exponiert...) und ein Haufen Leute verliert Geld und/oder Arbeit. Wieso genau weiss niemand von ihnen. Bei einigen, die ohne zu wissen was sie tun einen Haufen Geld verdient haben, mag man sagen "recht geschiehts", man bedenke aber, dass bei Lehmans z.B. auch geputzt wurde; die armen Teufel haben keine AAA CDO´s gebastelt...
Nun, da ich wohl zu den wenigen gehöre, die in der ganzen Finanzkrise bisher nichts verloren haben, möchte ich hier ein paar Investmenttips (ja, Tip wird mit einem p geschrieben, Rechtschreibereform hin oder her) geben:
  • Investiere in Dinge, von denen Du etwas verstehst. Da mit Gleichungen kein Geld zu machen ist, konzentriere ich mich auf Nahrungs- und Genussmittel.
  • Investiere und konsumiere; das Huhn im Kühlschrank gewinnt nicht an Wert.
  • Investiere lokal; während ich in Hamburg mit Fischbrötchen und Scholle hervorragende Deals machte, kaufe ich unterdessen eher Gong Bao Ji Ding, Jiao Zi und Bao Zi.
  • Investiere nicht mehr als Du verdauen kannst.
  • Halte in Deinem Portfolio eine ausreichende Barreserve - der Hunger auf eine neue Investition kann jederzeit auftauchen.
  • Investiere breit, am besten zusammen mit Freunden; gerade hier in China besteht das Risiko, dass sich ein vermeindlicher Leckerbissen als Fehlinvestition herausstellt. Hat man in einer Gruppe breit investiert, muss das kein grosser Verlust sein.
  • Ein Glas Wein gehört zum investieren dazu.
  • Investieren soll Spass machen!

Dienstag, 9. September 2008

Ein gutes Wort für Sämi


Unser Berner Bundesrat hats nicht leicht, "halber Bundesrat" und "scheintot" wurde er von seiner Parteispitze genannt - da wär ich wohl auch ausgetreten. Und jetzt kam auch noch die Nef-Geschichte dazu, und alle, die sonst den Datenschutz noch höher werten als Gott und Vaterland, verlangen nun, dass Schmid alles schon gewusst haben sollte. Und die Weltwoche und die SVP haben es sowieso schon immer gewusst und wollen jetzt aus Trotz keine neunen Panzer kaufen (damit hat die ganze Sache wenigstens etwas Gutes). Das eigentliche Problem liegt aber ganz woanders (meint zumindest der Blick).
Wie auch immer. Ich war ja zugegebenermassen nie ein grosser Sämi-Fan, einerseits weil ich mit seinem Departement viel interessante Korrespondenz ausgetauscht habe, und andererseits, weil der Sämi halt nicht der Ogi ist und gelegentlich schon etwas trocken herüberkommt. Nun war ich am Sonntag mal wieder in die Schweizer Botschaft eingeladen (ein Danke hier auch an die Steuerzahler unter meinen Lesern), wo Bundesrat Schmid zu einem Empfang mit der paralympischen Delegation geladen hatte. Um jetzt auch mal etwas positives zu sagen: Schmid hielt eine sowohl inhaltlich als auch rhetorisch sehr gute Ansprache, war offensichtlich vorbereitet (im Gegensatz zu Exkollege Blocher) und kam als bescheidener, seriöser und hart arbeitender Magistrat herüber, der auch den Kontakt zu nicht prominenten Anwesenden sucht.
Die Tatsache, dass sich Schmid seinem den Behindertensportlern vor langem gegebenen Versprechen, hier in Beijing dabei zu sein stärker verpflichtet fühlt als der Schweizer Sonntagspresse, ist sicher kein Zeichen von Feigheit. Wie ein Zwischenrufer richtig bemerkte, "ist das eben noch ein Mann mit Charakter" - und Schnauz.

Schaut Euch die Paralympics an!

Liebe Leser!
Heute war ich zum ersten (und hoffentlich nicht letzten) Mal an einer Veranstaltung der Paralympics und zwar beim Schwimmen im Watercube; bis ich durch die 760 Photos durch bin, wird es wohl noch etwas dauern, aber bevor die Paralympics dann auch schon wieder vorbei sind, möchte ich Euch auffordern, da mal reinzuschauen. Ich hoffe mal, der eine oder andere Fernsehsender zeigt zwischendurch mal ein Event, und das lohnt sich wirklich. Zu sehen gibt es da grossen Sport wie wir ihn uns wünschen; mit vielen Spannenden Entscheidungen, Sportlern, die an Ihre Grenzen gehen (und weit über das hinaus, was man ihnen auf den ersten Blick zutraut), die Ihre Leistungen wohl tatsächlich grösstenteils ohne Doping bringen, die sich auch über einen zweiten Platz richtig freuen können, die die Kameradschaft untereinander pflegen und das alles, ohne dabei reich zu werden.
Das nun fast ausschliesslich Chinesiche Publikum in der Schwimmhalle ging viel mehr mit als bei der "normalen" Olympiade. Auch ich war tief berührt von Schwimmern ohne Arme, Beine oder Augenlicht, die schneller schwammen und ihre Wenden besser timten als ich es je konnte. Und wem das alles nicht reicht um auch mal zur Unzeit vor den Fernseher zu sitzen: Die Parathleten und Parathletinnen sind im Schnitt auch noch hübscher als ihre "normalen" Kollegen und Kolleginnen; nicht so viel Testosteron und Anabolika zu essen, hat auch seine Vorteile.

Mittwoch, 20. August 2008

Es wär so schön gewesen...

Seit ich am Samstag Abend nach dem 100 m Final aus dem Vogelnest rausspaziert bin, wollte ich über den olympichschen Geist, "Mitmachen ist wichtiger als Gewinnen" und die ganzen Fehler des moderen Leistungssports (und des modernen Leistungssportzuschauers) bloggen. Als Beispiel boten sich ganz von selbst die Entscheidungen von Samstag Abend an - 100 m der Männer und Kugelstossen der Frauen als in vielerlei Hinsicht abschreckende Beispiele und der Siebenkampf der Frauen als positives, aber völlig ignoriertes Beispiel. Nun, ich wurde eben eines Besseren belehrt. Aber gehen wir das geplante Argument erstmal duch - einerseits ist es schön durch Bilder illustrierbar und andrerseits kann man vielleicht doch noch was lernen; und sei es nur, sich nicht vom Schein trügen zu lassen.
Nun, der Abend begann mit dem Speerwerfen der Siebenkämpferinnen; das fand eigentlich nur wegen der interessanten Methode, die Speere zu den Werferinnen zurück zu bringen Beachtung.

Javelin Remote Retrieval (by niklausberger)

Javelin Remote Retrieval (by niklausberger)

Auch ich hab da beim Speerwerfen nicht so genau hingeschaut; von über 600 Photos an dem Abend gibt es genau 2 vom Speerwerfen...

Heptatlon Javelin Throw (by niklausberger)

Ganz anders natürlich der 100 m - Lauf: Die beiden Halbfinals waren schon äusserst spektakulär (was die Zeiten angeht - ob jemand jetzt 9.84 oder 10.7 läuft, kann man ja von Auge kaum beurteilen...).

Mens 100m Semifinal 1 (by niklausberger)

Mens 100m Semifinal 1 (by niklausberger)

Mens 100m Semifinal 1 (by niklausberger)

1. Halbfinal - 3 Läufer unter 10s (bei leichtem Gegenwind) 10.01 als Qualifikationszeit...

Men's 100m Semifinal 2 (by niklausberger)

Men's 100m Semifinal 2 (by niklausberger)

2. Halbfinal -wieder 3 Läufer unter 10 s, 10.03 als Qualifikationszeit. Die Leistungsdichte ist ungeheur hoch; dies Jungs können nicht nur unter 10 s laufen, sie können es "auf Abruf" in einem Vorlauf, im Bewusstsein, dass sie sich 2 Stunden später nochmals steigern müssen. Übrigens ist schon bei den letzten 16 kein Weisser mehr dabei, dafür interessanterweise ein Japaner. Zwischen Halbfinal und Final fanden sowohl die 800 m Läufe der Siebenkämpferinnen als auch der Final der Frauen im Kugelstossen statt. Der Unterschied könnte kaum grösser sein; auf der einen Seite die Siebenkämpferinnen, die - na ja - wie sportliche junge Frauen aussehen und andrerseits die Kugelstosserinnen, die (sag ich jetzt nicht öffentlich).

Womens Shot Put - Contestans (by niklausberger)

(Das Bild von den Siebenkämpferinnen kommt gleich). Bei den Kugelstosserinnen gewann Valerie Vili aus Neuseeland - kein Blick für die Gegnerinnen, mit denen man immerhin den ganzen Abend rumgessen ist, sondern eine kurze fast-Schlägerei mit zwei Offiziellen von wegen Fahne und dann weg zur Ehrenrunde.

Valerie Vili - Shoy Put Gold Medaillist (by niklausberger)

Im Gegnsatz dazu die Siebenkämpferinnen, die nach dem 800 m Lauf gemeinsam feierten, und sich auch beim (nicht sehr tollen) Publikum bedankten...

Heptatlon Women (by niklausberger)

Heptatlon Women (by niklausberger)

Und dann der 100 m Final mit Weltrekord - schon eindrücklich, wenn einer auf den letzten 20 m noch bremsen kann...

Mens 100m Final - Start (by niklausberger)

Mens 100m Final - Results (by niklausberger)

Usain Bolt - 100m Gold Medal (by niklausberger)

Und dann gibts nur noch einen, den Sieger. Der zweite, immerhin auch unter 9.90 gelaufen, irrt verloren mit seiner Trinidad-Fahne durchs Stadion.

Second... (by niklausberger)

So weit so gut. Alles wie wir es schon immer gelesen und gewusst haben: Das sensationslüsterne Publikum, die Gladiatoren, die nur um sich selbst und den Sieg wissen - Zweiter werden ist verlieren. Drum werden mit legalen und illegalen Mitteln die Körper ohne Rücksicht auf Verluste aufs Rennen oder Werfen einer Stahlkugel optimiert. Alles irgendwie deprimierend (aber auch spannend, aufregend, interessant). Im Gegnsatz dazu die Siebenkämpferinnnen, viel näher am Ideal des sportlichen jungen Menschen, mit vielseitiger Begabung und vor allem auch guter Stimmung unter den Athleten - so wie man es sich erhofft (wenn auch wegen der Punktewertung nicht ganz so spannend).

Unterdessen hat Usain Bolt auch über 200 m mit Weltrekord gewonnen. Und Ludmilla Blonska, zweite bei den Siebenkämpferinnen, wurde positiv auf ein anaboles Steroid getestet. So viel zur heilen Welt.
(Und wenn schon die, denen man am ehesten zutraut, sauber zu sein, es nicht sind...)

Samstag, 5. Juli 2008

Nur zu Ihrer Sicherheit

Die Drohung stand in Form von Röntgengeräten schon länger im Raum (in den Stationen), nun wurde sie wahr gemacht. Auf Beijings U-Bahn muss ab sofort das Gepäck geröngt werden. Ein Grund mehr, nicht zu Stosszeiten zu fahren. Und auch sonst eher ein Taxi zu nehmen. Alles natürlich nur zu meiner Sicherheit. In China wird ja die Sicherheit gerne vorgeschoben, wenn etwas nicht erwünscht ist, oder nur gegen Aufzahlung möglich. So heisst es etwa ab und zu, "this area is not safe for foreigners", was bedeutet, dass da irgend was ist, was man nicht sehen sollte (z.B. besonders freundliche, aber auch besonders arme Bauern). Bei unserem Dampfeisenbahnausflug hiess es, der Zug sei nicht sicher für uns (aber für die Kinder der Metallarbeiter kein Problem), wir bräuchten einen Guide. Zähneknirschend (es war viel Staub und Sand in der Luft und damit auch zwischen den Zähnen), haben wir uns also einen Guide geleistet. Die arme junge Frau wusste weder, wo der Zug abfährt noch in welche Richtung er fährt und war ganz offensichtlich das erste Mal an Bord.
Man möchte hoffen, dass Sicherheit als Ausrede typisch ist für einen Einparteienstaat mit manchmal autoritären Zügen. Dem ist aber nicht so, auch im Westen wird Sicherheit immer öfter als Ausrede für fast alles vorgebracht. Wir dürfen aus Sicherheitsgründen keine Flüssigkeiten ins Flugyeug nehmen. Ebenfalls aus Sicherheitsgründen darf niemand verraten, wie man denn mit Flüssigkeiten einen Flieger in die Luft sprengen könnte (mir zumindest ist nicht klar, wie man das anstellt ohne sich selbst schon im Bus zum Flughafen in die Luft zu jagen). Damit ist ein Perpetuum Mobile aus Sicherheitsargumenten geboren - meine Rechte werden sicherheitshalber eingeschränkt, sicherheitshalber darf ich nicht wissen, weshalb. Ein Schlem, wer dabei böses denkt. Aus Sicherheitsgründen muss die Airline den USA (und bald auch der EU) mitteilen, was ich für Essen bestellt hab (als ob ein Selbstmordattentäter auf seinem letzten Flug nicht über seinen Schatten springen und koscher statt halal bestellen könnte...). Sicherheit ja, aber ich will auch einsehen können, weshalb. Sobald wir nicht mehr einsehen können/dürfen, weshalb wir etwas nicht dürfen, wird ein Staat totalitär und die Terroristen haben ihr Ziel erreicht.

Donnerstag, 19. Juni 2008

Kultur und Rumsaufen und Kultur des Rumsaufens?

Nun bin ich ja schon eine ganze Weile in Beijing (und habe schon wieder einen Blogeintrag mit "nun" begonnen). In meinen frühen Posts habe ich des öfteren die geringe Durchmischung von Chinesen und Laowais beklagt. Das hat sich in letzter Zeit nicht geändert; nur bin ich irgendwie Teil (Opfer mag ich nicht sagen) dieses Apardheitsystems geworden.
Aber zu erst ist mal auf der positiven Seite zu vermerken, dass die Jungs, mit denen ich zusammen arbeite, richtig gut drauf sind. Wir haben uns unterdessen genug aneinander gewohnt, dass wir uns problemlos verstehen (was auch bei gleicher Muttersprache nicht selbstverständlich ist), sinnvoll diskutieren können und niemand Angst hat, mich was zu Fragen oder auf einen Fehler meinerseits hinzuweisen. Das war aber auch ein halbes Jahr Arbeit...
Andrerseits ist mein Abend- und Wochenendprogramm (ausser dem Chinesischunterricht) doch ziemlich "westlich" ausgerichtet. Und bei vielen anderen ist es noch schlimmer - während an meiner Geburtstagsfeier immerhin drei Chinesen (na ja, einer ist Malaysia-Chinese) teilgenommen haben, tauchen an den üblichen Parties kaum Einheimische auf. Überhaubt kommen die meisten Beziehungen zwischen Westlern und Chinesen entweder vom Arbeitsplatz her oder sind Ehen (wobei es sich fast immer um chinesische Frau und westlichen Mann handelt). "Normale" Freundschaften sind selten. Dies wirft einen Haufen Fragen auf (wie kommen die Ehen zu Stande - alles Sekretärinnen? Sind wir zu verschieden? Ist irgendwer rassistisch? Ist man zu faul?). An allem ist ein bisschen was dran, aber darauf möchte ich nicht im Detail eingehen, sondern etwas über die vielbeschworenen Kulturunterschiede sagen.
Der cultural divide besteht wohl aus zwei verbundenen Gräben; einerseits - und das ist mir erst hier klar geworden - spielt der kulturelle Hintergrund, die Bildung eine doch ziemlich grosse Rolle und andrerseits ist das Ausgehverhalten der Chinesen mit dem unseren nur beschränkt kompatibel. Die Idee, mit Freunden was Essen zu gehen und nachher in die eine oder andere Bar was trinken zu gehen, ist bei den Chinesen nicht so verbreitet; es ist schon mal fast unvorstellbar, dass man die Rechnung fürs Essen aufteilt - und damit muss der Chinese, der so was anreisst, es auch alles bezahlen. Gerade für Doktoranden liegt so was eigentlich nicht drin. Dann gibt es auch die unschöne Angewohnheit, die Tafel nach dem letzten Bissen sofort aufzuheben, so ein bisschen Zusammensitzen ist selten. Und um gross Einladungen zu Hause zu veranstalten, sind die Chinesen oft nicht ausgerüstet (von den Achterschlägen der Doktoranden ganz zu schweigen). Trinken um des Genusses willen ist hier auch nicht so verbreitet (bei dem Schnaps kann man das auch niemandem verübeln), meistens läuft es auf ein Wetttrinken heraus. Das kling jetzt alles ziemlich negativ, sollte es aber nicht. Ich wäre der Letzte, die
chinesische Esskultur herabzuwürdigen. Nur sind viele Dinge so angelegt, dass man da als Aussenstehender sehr, sehr schwer reinkommt. Natürlich kann man die Chinesen von Zeit zu Zeit einladen, aber zu oft geht auch das nicht, weil dann kommen sie unter Druck, irgendwie gleichzuziehen.
Das ist also das Eine - und andrerseits wird einem erst, wenn das plötzlich nicht mehr selbstverständlich ist bewusst, wie riesig unser Rucksack aus Abendländischer Kultur eigentlich ist. Damit meine ich nicht, dass wir alle Homer, Shakespeare, Schiller und le Carré gelesen haben; aber wir haben eine Vorstellung von Odysseus, der Achillesverse, Romeo und Julia; können uns zu Sein und Nichtsein fragen, wissen, dass die Axt im Haus den Zimmermann erspart, der Starke am mächtigsten allein ist und dass Spione aus der Kälte kommen können. Wir haben nicht alle sämtliche Folgen von A-Team, Baywatch oder Monty Phytons Flying Circus gesehen, lieben es aber, wenn ein Plan funktioniert, bevorzugen einteilige, rote Badeanzüge und denken, dass Eric ein guter Name für einen Haustier-Heilbutt ist (ok, der ist jetzt etwas obskur). Grimms Märchen kennt eh jeder. All dies und vieles mehr, erlaubt es uns im Gespräch unzählige Abkürzungen mit Hilfe von Verweisen auf beidseitig Bekanntes zu nehmen. Wenn man hingegen immer den langen Weg nehmen muss (und dafür oft den Faden des Gesprächspartners bei seinen Abkürzungen verliert), ist auch ein durchaus nicht tiefsinniges Gespräch deutlich weniger ergiebig. Hoffnung gibt hier die Populärkultur (inkl. Sport) der letzten Jahre, die so globalisiert ist, dass sie alle Grenzen überbrückt; um so richtig tief zu sitzen braucht auch das aber wohl noch ein bisschen Zeit; das Wembley-Tor hat nun mal einen höheren metaphorischen Wert als das 0:0 von Frankreich und Rumänien.
Zusammenfassend, pauschalisierend und vereinfachend kann man also sagen, dass sich Hoch- und Populärkultur irgendwie auf uns alle abfärben und unsere Gesprächskultur (und wohl auch Trinkkultur) prägen. Und gerade wenn man vor allem auf der Suche ist nach Leuten, um ein bisschen zu quatschen, was zu trinken und einfach eine gute Zeit zu haben, so geht das irgendwie besser wenn man einiges gemeinsam hat; mit den Laowais ist das bei mir mehr als ich so dachte, bei den Chinesen ist es vor allem das gerne Tanzen, aber das ist ja schon mal ein guter Anfang.

Gerade weil es manchmal etwas harzt (meine Visumsgeschichte kommt wohl nächste Woche an dieser Stelle), lohnt es sich, längere Zeit in der Fremde zu verbleiben. Die Gelegenheiten, wo man das Gefühl hat, sein Gegenüber aus der Kentniss seiner Kultur heraus zu verstehen, sind so manches wert.

Freitag, 28. März 2008

Ein paar Fragen zu Tibet

Es ist wieder eine Woche vergangen und wir wissen immer noch nicht wirklich mehr zu den Vorgängen in Tibet. Was Webaktivisten aller Couleur nicht davon abhält "Free Tibet!" zu rufen oder aber Tibet zu chinesischem Herzland zu erklären. Der Olympiaboykott wird auch immer wieder hochgebracht. Ich möchte hier ein paar Fragen aufwerfen zur Haltung Beteiligter und Unbeteiligter, insbesondere der "Westler" und den dahinterstehenden Prinzipien. Nun, ich möchte das Geschehene sicher nicht verharmlosen, zwischen 20 und 150 Menschen haben ihr Leben verloren und jeder von ihnen ist einer zu viel, aber ich werde hier nicht China kritisieren, das haben andere schon besser und ausführlicher getan.
Denn nicht hinterfragen muss man die Absichten der Chinesischen Seite (den Status Quo aufrechterhalten) und dass die Methoden dazu nicht nur Propaganda aus der Mottenkiste sondern auch brutalstes Durchgreifen beinhalten, ist ebenfalls klar.
Bei den Exiltibetern gibt es welche, die einen unabhänigen Staat Tibet fordern (in welcher Form und mit welchem Territorium ist offen) und andere, darunter der Dalai Lama, die "mehr Autonomie" fordern.
Der Rest der Welt fordert, dass China mit dem Dalai Lama verhandelt (dies ist richtig und China würde sich damit auch einen Gefallen tun) und dazu eine Menge nicht so spezifischer Forderungen zu den Themen Religionsfreiheit und weitere Menschenrechte, aber auch ein unabhängiges Tibet taucht hier gelegentlich auf.
Hier zu alledem ein paar Fragen, die meist unter den Teppich gekehrt werden

  • Was ist eigentlich Tibet - die Chinesische Provinz dieses Namens, die Gebiete mit tibetischer Bevölkerungsmehrheit (beinhalten Teile von Sichuan und Gansu, in Lhasa gibt es aber andrerseits unterdessen mehr Han als Tibeter), die historische Ausdehnung eines unabhängigen Tibets (zu welcher Zeit?) oder gar eine religiöse Definition?.
  • Bei einer Unabhängigkeit oder auch verstärkter Autonomie, was geschieht mit den Han in Tibet? Dass grosse ethnische Spannungen vorhanden sind haben ja gerade die letzten Wochen gezeigt.
  • Was zeichnet die Tibeter gegenüber anderen ethnischen oder religiösen Minderheiten in China aus? Weshalb fordert niemand ein unabhängiges Xinjiang (Muslimisch-Uigurisches Gebiet)? Könnte das daran liegen, dass dem Westen die religiösen Freiheiten von Muslimen weniger wert sind als diejenigen der Buddhisten? Wie viele Leute haben wohl die Minarett-Verbots Initiative unterschrieben und gleichzeitig ein Buch vom Dalai Lama auf dem Nachttisch? Und wenn wir schon dabei sind: Wieso ist es viel das grössere Problem, dass sich die tibetischen Buddhisten nicht zum Dalai Lama bekennen dürfen, als dass sich die Chinesischen Katholiken nicht zum Papst bekennen dürfen? Gerade in Fragen, die an die Grundwerte westlicher Zivilisation rühren, müssen wir sehr vorsichtig sein, das Knuddel-Image des Dalai Lama über den etwas weniger lockeren Ratzi zu stellen. Beide sind sie die anerkannten Oberhäupter einer Religion, beide wurden sie mit Methoden erwählt, die man objektiv nicht nachvollziehen kann.
  • Viele Leute wünschen sich scheinbar ein "freies" Tibet unter der Führung des Dalai Lama - aber kann man als aufgeklärter Westler eine Theokratie wirklich wollen? Wie ist das mit der Nachfolgeregelung? Der Fall des Pantschen Lama ist nicht der erste, wo man sich nicht ganz einig ist, wer denn die Reinkarnation von wem ist?
  • Ich persönlich bin ein strikter Gegener von Religion als Motivation für einen Staat; Iran, aber auch Israel zeigen Probleme dieser Idee auf. (Das war ganz bewusst keine Frage.)
  • Was ist eigentlich mit den Tibetern in Tibet (nicht-Mönche auf dem Land)? Das wir uns im Westen Tibet gerne als Disneyland wie in "Sieben Jahre in Tibet" erhalten möchten, ist ja nett. Ich kann mir aber schwer vorstellen, dass die Tibeter sich allesamt für die nächsten hundert Generationen als Yakhirten sehen (hier kann ich irren, aber gefragt haben noch nicht viele). Was die Chinesen nun unzweifelhaft haben, ist einen Erfolgsausweis bezüglich wirtschaftlicher Entwicklung.

Nun, ich hoffe mit diesen Fragen ein wenig zum Hinterfragen der so "selbstverständlichen" westlichen Positionen angeregt zu haben. Denn gerade wenn wir Europäer die Moralkeuele schwingen, müssen wir uns unserer Prinzipien sicher sein. Und hier meine ich eben gerade nicht, dass wir wegen der Kreuzzüge oder der Inquisition oder dem 2. Weltkrieg keine moralische Authorität hätten. Ich sage auch nicht, dass in Asien alles anders ist, denn Menschen sind Menschen. Grundwerte können nicht relativ sein, gerade drum sind sie Grundwerte. Wenn wir aus den Katastrophen der Europäischen Geschichte etwas gelernt haben, und nicht nur glauben, sondern wissen, dass die Todesstrafe falsch ist, dass Folter unter keinen Umständen zulässig ist, dass Pressefreiheit ein sehr hohes Gut ist oder dass Kirche und Staat zu trennen sind, so müssen wir auch immer mit gleichem Nachdruck dafür einstehen, ob jetzt China, die USA, Russland oder Zimbabwe, Buddhisten, Muslime, Juden oder Christen betroffen sind.

Mittwoch, 19. März 2008

Kommunikationskatastrophe

Die Proteste in Tibet und ihre Niederschlagung bewegen nach wie vor die Medien, inner- wie ausserhalb Chinas. Informationen aus unabhängiger Quelle sind kaum zu bekommen, fast alles geht entweder durch die Hände der Exiltibeter oder der chinesischen Regierung. Und in Sachen Kommunikation haben die Chinesen massiv versagt. Gerade da die chinesische Regierung in der eigentlich konfortablen Situation ist, für die eigene Bevölkerung fast komplett getrennte Kommunikation betreiben zu können, müsste sie alles versuchen, nach aussen dialogbereit und offen zu erscheinen (diese Haltung auch tatsächlich einzunehmen wäre natürlich noch besser). Der Dalai Lama ist nun mal Friedensnobelpreisträger, Bestsellerautor und eine Ikone all dessen, was wir Westler uns von einer Religion eigentlich erhoffen, in zwanzig Jahrhunderten Christentum aber sehr, sehr selten erhielten. Ob der Tibetanische Buddhismus diese Werte tatsächlich in so reiner Form vertritt ist eine andere, hier aber völlig irrelevante Frage - man soll auch nicht versuchen, einem Buchhändler zu erklären Paulo Coelho schreibe schlechte Bücher. Die KP auf der anderen Seite leidet im Westen immer noch unter 1989, und hat unterdessen das zusätzliche Problem, dass der wirtschaftliche Erfolg Chinas manchem (nicht nur zu unrecht) Sorgen macht. In dieser Situation, wo die Meinungen schon sehr vorgefasst sind, sollte man nun eben nicht die Rhetorik eigentlich vergangen geglaubter Tage aus der zu Mottenkiste holen und den Dalai Lama als "feudalistischen Wolf in der Mönchskutte" zu bezeichnen, und ihm vorzuhalten, dass Heinrich Harrer (Sieben Jahre in Tibet) ein Nazi war - zumindest bevor er in Tibet war. Dies aus den englischen Verlautbarungen; die chinesischen will ich gar nicht sehen.
Es ist ja nicht so, dass den Chinesen egal wäre, was der Rest der Welt über sie denkt - die olympischen Spiele sind vor allem ein PR-Anlass (früher hätte man das Wort Propaganda verwendet). Wenn es aber um "innerchinesische" Angelegenheiten geht, so fällt die Führung hier sofort in alte Denkmuster zurück und vergisst, dass Information heutzutage nicht mehr aufhaltbar sonder nur noch manipulierbar ist. Im Nachgang der Proteste Youtube in China zu sperren, errinert an das Kind, dass sich die Augen zuhält, damit der böse Mann weggeht.
Die Partei muss sich daran gewöhnen, dass sie neben dem wirtschaftlichen auch das Informationsmonopol verloren hat. China (und damit auch die KP) hat von ersterem enorm profitiert; der freie Fluss von Informationen war wohl nie ein Ziel der Führung, lässt sich aber nicht mehr stoppen. Die Partei wird sich daran gewöhnen müssen; je schneller sie das einsieht, umso besser. Die Völker am Rande Chinas lassen sich auf Dauer nicht mit Gewalt an China binden (und wohl auch nicht mit wirtschaftlichen Vorteilen allein), sondern nur über Herzen und Köpfe.